Zum 6. Mal fand an Himmelfahrt 2009 das Forum Eurythmie auf dem
Annener Berg in Witten statt. Die Herausforderungen an das studentische
Organisationsteam der Eurythmieausbildung Witten/Annen wurden riesig,
als Wochen vor Beginn die Anzahl der Teilnehmer die 500 überstieg
und der Strom der Anmeldungen nicht abriss. Wegen Überbuchung musste
das Internetportal geschlossen werden. Es waren in diesem Jahr nicht
allein die Schüler- und Studentengruppen und Bühnenensembles,
die kommen wollten und ihre eurythmischen Produktionen zeigen, sondern
auch zahlreiche Schüler, die zuschauen und an dem vielfältigen
Begegnungsprogramm rund um die Eurythmie teilnehmen wollten.
„Der Ort ist ideal mit dem Witten-Annener Institut im Grünen und
der Blote-Vogel-Schule in unmittelbarer Nachbarschaft. Das sommerliche
Wetter half mit! Der ungeheuer intensiven Organisation der Studierenden
des Instituts, den zahllosen Helfern im Hintergrund ist zu danken, dass
alles harmonisch ablief. Es gab kaum noch einen Raum im Institut, der
nicht als Nachtlager diente. Kein Flüchtlingslager – aber ein Camp
mit dem Ziel für eine menschliche Kultur.“ kommentiert
Werner Barfod die Bedingungen für dieses weltweit einzigartige
Jugend-Eurythmie-Festival. Marion Körner sprach mit dem Begründer
der Euritmie Academie Den Haag und ehemaligen Leiter der Sektion für
Redende und Musizierende Künste am Goetheanum.
MK: Was kennzeichnet für Sie das Forum Eurythmie?
Barfod: Eine heiter-ernste Jugend-Stimmung. Die Freude
dabei zu sein, mit so vielen zusammen für die Eurythmie sich zu
treffen bestimmt die heiter-ernste Jugend-Stimmung. Es ist immer menschlich-kollegial
unter einander. Vielleicht kommt eine neue Generation, die sich für
andere menschliche Werte einsetzen will in diesen aus dem Ruder gelaufenen
Lebensverhältnissen.
MK: Können Sie das noch etwas näher beschreiben?
Barfod: Wenn 539 Mitwirkende in 39 Gruppierungen – mit einigen lokalen
hinzukommenden Zuschauern – aus 10 verschiedenen Ländern sich gegenseitig
wahrnehmen, es überwiegend junge Menschen sind, die sich um die
Eurythmie finden, dann ist das ein Fest der Begegnung auf anthroposophischem
Boden. Es lebt ein Suchen zwischen den Menschen, ein Abtasten, wohin
es gehen soll, die Frage: „Wie stehe ich da drin?“ Da ist es gut, wenn
die Älteren aktiv Pate stehen, mittragen, selber auf dem Weg, raten
und mittätig sind. Die Mischung, das Unprätentiöse macht
es so fruchtbar.
MK: Nun mutet man sich ja als Zuschauer auch Einiges
zu: täglich etwa 5 Stunden Eurythmie-Aufführungen und das
an vier Tagen! Wie hält man das durch?
Barfod: Man hält die „langen Sitzungen“ durch
wohl ähnlich wie die Nächte der javanischen Figurenspiele,
es erfrischt in einer lebendigen, aufbauenden Weise, so dass auch weniger
Schlaf erforderlich ist. Da ist natürlich die gegenseitige Freude
des Gebens und Nehmens, da ist ein Interesse an der Verschiedenartigkeit,
an der anderen Sprache und Bewegung; es steht der lebendige Mensch im
Mittelpunkt.
MK: Sie sprachen von „Suchen und Abtasten, wohin es
gehen soll“. Was gab es zu sehen?
Barfod: Ein breites Spektrum von Bewegungsäußerungen:
eurythmische Bewegungen mit und ohne seelischen Ausdruck, Experimentierfreude
und verblasste Gesetzmäßigkeit; dann zeigt sich leider noch
wenig Kunstsinn in der Eurythmie für die Aufgabe im neuen Jahrhundert.
Es wird der Ruf nach unmittelbar spürbarem, fruchtbarem, spirituellem
Anschluss erlebbar; dieser hat noch nicht seine adäquaten Mittel
gefunden für die „Schwellenluft“.
MK: Wie erleben Sie hier beim Forum Eurythmie die
Fragen des jungen Publikums?
Barfod: Die mitwirkenden jungen Zuschauer stehen offen
gegenüber allen anderen und nehmen zugleich eurythmische Qualität
wahr – es ist an der wachsenden Stille im Aufnehmen spürbar. Extreme
in der Darstellung werden wie ein heiter-tragisches Intermezzo erfahren,
man spürt seismographisch was wahr ist, weiß zu unterscheiden!
Das ist wohl ziemlich neu und lässt auf eine Generation hoffen,
die nicht das Schöne ohne Wahrheit sucht…
MK: Welche Aufgabe sehen Sie also für den Eurythmisten?
Barfod: Eine schöne Selbstdarstellung ist dann
eine überflüssige Erscheinung. Unsere Zeit fordert Substanz
mit Phantasie, Wahrheit in den Kunstmitteln; der Mensch will existenziell
berührt sein – und das heißt immer Anwesenheit der Schwelle
zur geistigen Welt, in der Seele und Ich atmen können müssen.